Extrem schön bei RTL2 - Öffentliches Aufbügeln für extreme Schönheit

2011-12-27 20:13 -

Obwohl Schönheitssendungen im Fernsehen nichts Neues sind, ist wieder eine Diskussion um die Sendung „Extrem schön“ auf RTL II entbrannt. Darf man öffentlich proklamieren, dass nur wer schön ist auch glücklich, erfolgreich und geliebt ist? Und wer sagt, was schön bedeutete. Die Kandidatinnen, nur die allerhäßlichsten von ihnen werden überhaupt in die Sendung mit aufgenommen, entsprechen nach unzähligen Operationen, monatelangem Warten und vielen weiteren Besuchen bei Friseuren, Kosmetikerinnen und im Nagelstudio eher einem Barbie-Ideal als natürlicher Schönheit. Natürlich wird am Ende herzlich und glücklich gelacht, der lange nicht gesehen Familie um den Hals gefallen und für das wahnsinnig gute Aussehen beglückwünscht. Kritiker erheben die Stimmen und mahnen vor einer Verharmlosung der Gefahren einer Operation und einem damit falschen Bild für jüngere Zuschauer. Die in der Sendung dargestellten Zahnarztbesuche, die meist die einzigen wirklich notwendigen Behandlungen sind, werden als das schlimmste Übel dargestellt, eine Brustoperation als einen Spaziergang durch den OP mit anschließenden Freudentränen ob der geschwollenen Brüste.

Die Kandidatinnen werden öffentlich extrem verschön trotz aller Gesundheitsrisiken. Dabei werden sie in der Sendung wie Zootiere dargestellt. Ihre labbrigen Fettschürzen, die zerfurchten Gesichter, die schimmelnden Zähne und cellulitisgeformten Schenken werden in Nahaufnahmen gezeigt, so dass der Betrachter sich noch mal so richtig ekelt – oder eben sich selber in seiner Imperfektion doch noch ein wenig Schönheit zugestehen kann. Nach dem Motto, so hässlich bin ich ja doch nicht, es geht noch schlimmer.

Durch das Ansehen dieser Sendung werden die Meinungsträger für oder gegen Schönheitsoperationen noch gestärkt in Ihrer Meinung. Wer der Meinung war, dass Schönheitsoperationen das Aussehen und damit auch das Wohlbefinden, ja sogar das Glück eines Menschen ganz entscheidend beeinflussen können, der wird durch das durchaus bessere Aussehen und das glückliche Lächeln, sowie die tränenreichen Familienzusammenführungen noch weiter in dieser Annahme bestärkt und kann als Werbesendung für Schönheitskliniken gelten. Wer hingegen Schönheitsoperationen als unnötiges medizinisches Risiko ansieht, sieht sich angesichts der Darstellung der extremen Veränderung und den damit einhergehenden Schwierigkeiten auch in seiner Meinung bestärkt. Obwohl die Schmerzen der teilnehmenden Frauen gar nicht oder nur sehr andeutungsweise in der Sendung dargestellt werden, kann man gut vorstellen, wie schmerzhaft und riskant solche Operations-Marathen sein können.

Aber ist wichtigste Frage ist wohl, wie es den ausgestellten Kandidatinnen bei diesen extremen Veränderungen geht. Ist eine solche Darstellung überhaupt mit unserer Ethik vereinbar? Dürfen wir uns an dem Leid von anderen Menschen laben? Denn was in der Sendung dargestellt wird, ist hauptsächlich das Leid, der schwere Weg zu einem besseren Aussehen. Der schöne Schwan im Kreise seiner Familie bekommt nur wenige Minuten Sendezeit, der Rest der Zeit wird seine Hässlichkeit dargestellt. Der gesamte Prozess vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan interessiert die Macher der Sendung. Aber was passiert mit der neuerworbenen Schönheit nachdem die Werbung eingeblendet wird? Es scheint wieder nur um Einschaltquoten, nicht um den Mensch hinter dem Versuchstier zu gehen. Dazu kommt, dass nichts mehr privat ist. Alles wird gezeigt.

Das mediale Ausschlachten des menschlichen Leids wird es so lange geben, wie sich Leute das ansehen. Die heimliche Sensationslust beim Anblick von Menschen, die noch hässlicher und unglücklicher sind als wir ist leider in der menschlichen Psyche verankert und davon leben die Macher einer solchen Sendung – extrem gut sogar.

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